| Ältere
Arbeitnehmer und der Arbeitsmarkt - Die Älteren werden gebraucht!
Klaus Marohl,
Vertreter des Bundesverbandes der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung
(KAB) Deutschlands bei der EURAG-Sektion Deutschland. Bericht von
einer Fachtagung.
Ältere Arbeitnehmer und der Arbeitsmarkt - Die Älteren
werden gebraucht! Erkenntnisse anlässlich einer Fachtagung. Von
Klaus Marohl
Wenn man die Diskussion um die Rentenversicherung
verfolgt, hat man manchmal den Eindruck, ältere Menschen seien nur
noch eine Belastung der Gesellschaft und ein Albtraum für die jüngere
Generation. Das gilt auch schon für ältere Arbeitnehmer (äAN), die
für sehr viele Betriebe nur noch ein Unkostenfaktor zu sein scheinen,
der möglichst früh abgestoßen werden muss (in die Rente).
Dazu stellen die Fachleute gleichzeitig fest: 1. Es
gibt in Deutschland eine hohe sich verfestigende Arbeitslosigkeit
unter äAN. 2. In Deutschland sind lediglich 37,8% der 55- bis unter
65-Jährigen erwerbstätig.
Erklärtes Ziel der europäischen Beschäftigungsstrategie
ist es, die Erwerbstätigenquote im EU-Durchschnitt bis zum Jahr
2010 auf 50% anzuheben! Dieses Ziel ist für das Überleben der Volkswirtschaften
und damit für die Wahrung des Wohlstandes der Gesellschaft unerlässlich.
Heute produzieren 38 Mill. Erwerbstätige in Deutschland
unseren Wohlstand. In 50 Jahren werden es nach den gegenwärtigen
Berechnungen nur noch 26 Mill. sein, die damit die Voraussetzungen
für die soziale Sicherung, die medizinische Versorgung, den Bildungsbereich
usw. sichern. Duch Erhöhung der Frauenerwerbsquote und Zuwanderung
sind diese rückläufigen Zahlen nicht aufzufangen. - Heut sind 23%
der Bevölkerung 60 Jahre alt und älter. Im Jahr 2050 werden es 40%
sein. Das hat ebenfalls große Auswirkungen auf die Beschäftigung
und damit auf den Arbeitsmarkt.
Sind also die äAN eine Belastung (Hypothek) oder
eine Chance (ein Potenzial) für unsere alternde Gesellschaft und
wie gehen wir damit um? Dies war das Grundthema einer Gemeinschaftsveranstaltung
der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt e.V. und der Bundesversicherungsanstalt
für Angestellte (BfA) in Berlin im November 2002.
Einig waren sich die Referenten darin, dass äAN mit
ihrem Erfahrungswissen, ihren Berufs- und Lebenserfahrungen als
wichtigste Talente so lange und wirksam wie möglich dem Arbeitsmarkt
erhalten bleiben müssen. - Interessant sind dabei die Erkenntnisse
des Dritten Altenberichts, hier der Kernbefund der Alter(n)sforschung:
Demnach besteht kein oder nur ein geringer Zusammenhang
zwischen Alter und Produktivität. Die Unterschiede zwischen Arbeitnehmern
(AN) gleichen Alters sind größer als die zwischen jüngeren und
älteren AN. Wissen und Erfahrung gleichen Probleme langsameren
Lernens u.a., die alters- bedingt auftreten, wieder aus.
Weil unsere Gesellschaft altert und das Erwerbspersonenpotential
zurückgeht, müssen wir begreifen: Die Älteren werden gebraucht!
Der Stellenwert der Älteren in den Unternehmen muss erkannt werden
und die Älteren müssen den Betrieben erhalten bleiben. Älteren arbeitslosen
AN müssen Möglichkeiten zum (Wieder-)Einstieg in den 1. Arbeitsmarkt
geschaffen werden, zumal es nur 15% aller äAN über 55 Jahren gelingt,
eine ungeförderte Beschäftigung aufzunehmen! - Das bedeutet Qualifizierung
und Weiterbildung nicht nur des Managements, sondern auch von geringer
Qualifizierten und Beschäftigten in kleinen und mittleren Unternehmen.
Qualifizierung ist in erster Linie die Aufgabe von
Unternehmen, der Betroffenen selbst und der Tarifparteien. Schließlich
profitieren davon sowohl die Unternehmen als auch die Beschäftigten.
Hier ist es wichtig zu wissen, dass äAN bisher nur
geringfügig bzw. unterproportional an betrieblicher Weiterbildung
beteiligt waren und sind, vor allem in kleineren und mittleren Unternehmen,
die aus Personal- und Kostengründen lediglich unterdurchschnittlich
in betrieblicher Weiterbildung engagiert sind. - Diese Gruppe der
kleinen und mittelständischen Unternehmen (bis 100 Beschäftigte)
stellt etwa 98% aller Betriebe in Deutschland und beschäftigt 53,4%
aller Arbeitskräfte!
Für diese kleinen und mittleren Unternehmen hat die
Bundesregierung mit ihrem Job-AQTIV-Gesetz u.a. die Möglichkeit
geschaffen, Weiterbildungskosten zu erstatten, wenn die Arbeitskraft
das 50. Lebensjahr vollendet hat und der Arbeitgeber (AG) das Arbeitsentgelt
fortzahlt. Diese Regelung ist auf 4 Jahre befristet. Bisher wurde
weniger als 500-mal davon Gebrauch gemacht (Nov. 2002)! - Neben
weiteren Maßnahmen der Regierung wurden für äAN besonders günstige
Konditionen geschaffen zum Bezug von Eingliederungszuschüssen. Diese
können in Höhe von 70% des Gehalts/Lohns und über 5 Jahre erbracht
werden und der AG braucht sie nicht zurückzuzahlen, wenn er den
AN nicht über den geförderten Zeitraum hinaus beschäftigt. Diese
Förderungsmaßnahme wurde bis 2006 verlängert.
Diese Maßnahmen dürfen nur ein erster Schritt sein,
um das Problem zu lösen!
Ein Referat über äAN in der Personalpolitik der Deutschen
Bahn AG machte deutlich, dass es erhebliche Probleme gibt, wenn
man wettbewerbsfähig bleiben und deshalb in erheblichem Maße Arbeitsplätze
abbauen und gleichzeitig innerbetriebliche Aktivitäten entwickeln
muss zur Erhaltung oder gar Installierung von neuen Arbeitsplätzen
und der Qualifizierung äAN, deren Erfahrungswissen und Berufskenntnisse
dringend gebraucht werden. Aber auch solche Probleme können gemeistert
werden. Wichtig ist dabei nach Auffassung der Referentin, dass die
Mitarbeiter mitgenommen werden, dass man ihnen ihre Situation ehrlich
schildert, die Folgen bespricht und ihnen Entscheidungsmöglichkeiten
lässt. Unerlässlich ist dabei grundsätzlich eine enge Zusammenarbeit
mit dem Betriebsrat und den Gewerkschaften.
Besondere Probleme hatte die DB, weil sie gleich
2 Umstellungsphasen zu bewältigen hatte. Einmal die von der Reichsbahn
zur Bundesbahn und die Umwandlung in eine privatrechtliche Gesellschaft.
Ein Wandel von hoheitlich orientiert zu wirtschaftsorientiert. Zwischen
1991 und 2002 betraf der Personalabbau etwa 52 000 Mitarbeiter,
von denen etwa 42 000 durch natürliche Fluktuation ausschieden.
Der Personalabbau ging bisher überwiegend zu Lasten äAN und ist
noch nicht zu Ende.
Einige Stichworte, die die Situation bei solchen
Strukturmaßnahmen verdeutlichen bzw. Probleme aufzeigen: AN gehen
freiwillig, um die Abfindung zu kassieren, obwohl das Unternehmen
gerade sie behalten wollte. - Ältere AN, die besonders schwere Arbeit
verrichten mussten, konnten ersatzlos entlassen werden zur gegenseitigen
Zufriedenheit. - Ältere Führungskräfte um 60 waren froh, den Strukturwandel
noch mitmachen zu dürfen und setzten sich voll ein. - Ein Führungskräfte-Nachwuchsprogramm
wurde aufgelegt für Mitarbeiter bis 40 Jahre. Man hofft auf freiwillige
Meldungen (erhofft sich verborgene Talente) und verlässt sich nicht
nur auf Vorschläge von Vorgesetzten. - Personalleiter bzw. Personalverantwortliche
haben auch ihre Vorurteile. - Notwendigkeit, wegzukommen von der
Förderung (Bemutterung) bestimmter Berufsgruppen. Frauen wollen
z.B. nicht gefördert, sondern gefordert werden, äAN wollen ernster
genommen werden. - Qualifizierungsmaßnahmen erfolgen grundsätzlich
ohne Privilegien (wie z.B. Arbeitserleichterungen für äAN oder Frauen).
- Kein Druck auf AN. - Grundsatz bei der DB: Arbeitsverträge bis
zum 65. Lebensjahr, Altersversorgung ab dem 65. Lebensjahr.
Während es gängige Praxis ist, dass besonders die
großen Firmen ihre Mitarbeiter ab Mitte 50 in den Vorruhestand entlassen,
fordern die gleichen AG und ihre Verbände immer lauter, die Renteneinstiegsgrenze
anzuheben. Das kann nicht ernst genommen werden. Diese Forderung
dient tatsächlich nur der Verschiebung von Rentenleistungen, um
finanziell klarzukommen. Man sagt es nur nicht. Hier wird der äAN
zum Spielball unterschiedlicher Interessen.
Das durchschnittliche Rentenzugangsalter bei Renten
wegen Alters betrug im Jahr 2001 62,3 Jahre. Zur Zeit machen 62,3%
der AN von der Möglichkeit Gebrauch, vorzeitig in Rente zu gehen
(mit entsprechenden Rentenabschlagszahlungen). Eine Steigerung der
Renteneinstiegszeiten in Richtung auf die Regelaltersgrenze 65 Jahre
wäre schon eine erhebliche Entwicklung.
Man sollte aber nicht übersehen, dass sehr viele
"freiwillige" Vorruheständler diesen Weg wählen, weil sie sich dem
ständig wachsenden Stress am Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen fühlen!
NB: Die Referenten o.g. Gemeinschaftsveranstaltung waren (in der
Reihenfolge ihrer Auftritte): Dr. Anne Meurer, BfA, Mitglied der
Geschäftsführung. Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt, Vorsitzender
der Gesellschaft für Sozialen Fortschritt und Mitglied der Sachverständigenkommission
für den Dritten Altenbericht. Frau Dr. Barbara Koller, Institut
für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Frau Birgit Gantz-Rathmann,
Deutsche Bahn AG, Leiterin des Bereichs Gesundheit und Soziales.
Prof. Dr. Manfred Rentzsch, Institut für Arbeits- und Sozialhygiene
Stiftung (IAS), Leiter der Sparte Forschung. Herr Klaus Michaelis,
BfA, Mitglied der Geschäftsführung. Frau Bettina Schattat, MinR,
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit.
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